Leseprobe
»Sie hat was?«
Komtesse Caroline Elisabeth Müller-Greifsheim ließ den Arm sinken, der mit dem breiten Borstenpinsel soeben eine waagerechte Linie in den flammenden Horizont auf der Leinwand gezogen hatte, als ihr Mobiltelefon einen Anruf ihrer jüngeren Schwester ankündigte. Die Ölfarbe sammelte sich langsam an der Spitze des Pinsels, tropfte von dort in zähen Fäden zu Boden und warf zinnoberrote Sprenkel auf die weißen Leinenschuhe der Komtesse.
»Angeblich hat sie einen siebzehnjährigen Jungen zu Tode geprügelt. So steht es jedenfalls heute im Moselboten.« Charlies Stimme dröhnte aufgeregt aus dem kleinen Lautsprecher. »Hast du ein Fax in der Nähe? Ich schicke dir den Artikel. Wahrscheinlich kannst du ihn aber auch im Internet auf der Website des Moselboten finden. Es ist heute die Top-Schlagzeile.«
Caro versuchte noch immer vergeblich, zu begreifen, was ihre Schwester ihr da gerade mitgeteilt hatte, als das Telefaxgerät zu summen begann. Langsam schob sich die erste Seite in die Auffangmulde. Fünf weitere folgten, aus denen Caro die komplette Titelseite und die halbe Seite drei, die den eigentlichen Bericht enthielt, zusammensetzte
»OK, ist angekommen. Ich schau mir das erst mal an und melde mich dann wieder. Und danke, dass du mich angerufen hast.«
Zu Tode geprügelt, lautete auch die Schlagzeile, die in großen Lettern die Titelseite überspannte. Beziehungsdrama oder schreckliches Ende eines One-Night-Stands, spekulierte der Verfasser des Artikels in der Dachzeile darüber. Im Vorspann folgten dann die ersten Fakten. Der siebzehnjährige Marco B. war am Morgen des sechsten Dezember in der Wohnung der Kampfsport-Trainerin Nesrin S. (28) tot aufgefunden worden. Sein Körper wies zahlreiche Verletzungen auf, die nach Insider-Informationen vermutlich von Tritten und Faustschlägen herrührten. Die Polizei hatte Nesrin S. daraufhin vorläufig festgenommen und ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.
Auf Seite drei wurde die Geschichte noch um einige Details angereichert. Nesrin S. selbst hatte die Leiche entdeckt, als sie nach einer offenbar durchzechten Nacht in ihrem Bett aufwachte. Sie selbst hatte unverzüglich die Polizei informiert, konnte sich nach eigenen Angaben jedoch an den vorangegangenen Abend nicht mehr erinnern und verweigerte im Übrigen jede Aussage.
Danach erging sich der Autor in wilden Spekulationen und bediente dabei vor allem das Klischee der Lehrerin, die ihren Schüler verführt, ein von der Sensationspresse bevorzugt ausgeschlachtetes Motiv.
Auf der Titelseite des Moselboten prangten ein Portrait des Opfers und eine Aufnahme, die zeigte, wie eine mit Handschellen gefesselte junge dunkelhaarige Frau von zwei uniformierten Polizistinnen zu einem Dienstfahrzeug begleitet wurde. Die Verführerin, stand darunter. Tötete sie ihr Opfer im Drogenrausch?
Die überdimensionale Sonnenbrille verbarg fast die Hälfte des Gesichts der vermeintlichen Täterin, aber Caro erkannte ihre Freundin sofort. Oh, Nessie, dachte sie. Was hast du nun wieder angestellt?
(...)
Ulli Eike
Familie und andere Verbrechen
Der zweite Caro & Nessie Krimi
im Buchhandel und im Internet erhältlich
ISBN 978-3-86858-252-9
Paperback, 192 Seiten,
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