Kurzgeschichten > Der rachsüchtige Gummimann Saturday, 19. May 2012, 17:07

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KOMTESSE CARO UND DER RACHSÜCHTIGE GUMMIMANN

 

»Ich fürchte, ich werde fett.« Die Komtesse Caroline Elisabeth Müller-Greifsheim musterte ihr nacktes Abbild im Badezimmerspiegel und zupfte missmutig an ihren Oberschenkeln herum. Nach einigen vergeblichen Versuchen gelang es ihr tatsächlich, eine nennenswerte Falte ihrer blassen Haut zwischen Daumen und Zeigefinger zu klemmen, die sie finster mit ihren blauen Augen anstarren konnte.

»Ja, sicher.« Im benachbarten Schlafzimmer hockte Nesrin Senel mit untergeschlagenen Beinen auf dem Bett und blätterte gelassen durch die Morgenzeitung, die sie vor sich ausgebreitet hatte. Soweit sich die junge Türkin erinnerte, hatte ihre adelige Freundin am Tag zuvor noch knapp sechzig Kilo gewogen, die durchaus ästhetisch über den einhundertsiebzig Zentimeter großen Körper verteilt gewesen waren. Es erschien Nessie höchst unwahrscheinlich, dass sich dieser Umstand über Nacht geändert hatte. Ohne aufzusehen studierte sie deshalb ungerührt weiter die Tagespresse. Auf Seite fünf fand sie schließlich eine Information, die sie für wichtig genug hielt, um die hin und wieder aufflackernden Nörgelattacken ihrer Freundin zu unterbrechen.

 

»Giovanni Pirelli ist ausgebrochen.«

»Sollte uns das interessieren?«

»Nun, er hat bei seiner Verhaftung geschworen, sich an uns zu rächen. Ich würde ihn nicht unterschätzen.«

»Ich denke, der hat auf der Flucht andere Probleme, als uns. Außerdem wird er mich Klops sowieso nicht mehr wiedererkennen.«

Nessie richtete ihre mahagonifarbenen Augen auf die Badezimmertür und schüttelte mißbilligend ihre kastanienbraunen Korkenzieherlocken. Manchmal trieb ihre Freundin ihre Albernheiten wirklich zu weit. Andererseits war natürlich auch ihr Argument nicht von der Hand zu weisen. Pirelli, ein gefährlicher Gewaltverbrecher, wurde sicher mit allen verfügbaren Mitteln gesucht und hatte deshalb wahrscheinlich genug damit zu tun, sich vor seinen Häschern zu verstecken.

»Sei in den nächsten Tagen jedenfalls ein bisschen vorsichtig, man kann nie wissen. Und nun bewege deinen adipösen Hintern aus dem Bad. Ich muss gleich los und würde gerne vorher auch noch mal da rein.« Die Physiotherapeutin und ehemalige Kampfsportlerin arbeitete zur Zeit als Trainerin in einem Fitnessstudio im Herzen von Nizza, ein Job, der ihr nicht nur Spaß machte, sondern ihr gleichzeitig auch erlaubte, sich selbst auf hohem Niveau fit zu halten.

Caros frisurresistenter blonder Schopf tauchte umgehend in der Badezimmertür auf. »Du bist roh und gefühllos! Ich befinde mich gerade in einer existenziellen Krise.«

»Oh je. Armes Ding. Ich hoffe, du tust dir nichts an, während ich weg bin.«

»Ich denke darüber nach.« Caro schürzte ihre sinnlichen Lippen zu einem trotzigen Schmollmund. »Vielleicht werde ich mich mit meinem Bogen erschießen.«

»Dann ruf aber bitte vorher beim Fleischer an, und sag ihm, er braucht für heute abend nur die halbe Portion Kalbsrücken auszuwiegen.« Nessie drückte ihrer Freundin im Vorbeigehen einen tröstenden Schmatzer auf die Wange. »Und leg mir in dem Fall auch schon mal was Schwarzes raus, bitte. Du bist doch immer so stilsicher, ich werde auf deiner Beerdigung bestimmt entzückend aussehen.« Und damit verschwand sie im Bad und warf mit einem herzlosen Knall die Tür hinter sich ins Schloss.

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