Kurzgeschichten > Der verräterische Herzschlag Saturday, 19. May 2012, 17:08

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KOMTESSE CARO UND DER
VERRÄTERISCHE HERZSCHLAG

Es gab Momente, da verspürte die Komtesse Caroline Elisabeth Müller-Greifsheim das Bedürfnis, ihre Freundin Nesrin Senel zu erwürgen. Dieses Gefühl stellte sich beispielsweise regelmäßig dann ein, wenn die beiden jungen Damen einen gemeinsamen Waldlauf unternahmen. Sobald die Komtesse die ersten unmissverständlichen Anzeichen beginnender Erschöpfung spürte, erschien ihr das freundlich-aufmunternde Lächeln ihrer Begleiterin mit jeder weitern Minute, die verstrich, boshafter und herablassender. Und dann, wenn es wieder einmal eine dieser widerwärtigen Steigungen hinaufging, und Nessie mit spielerischer Leichtigkeit die Führung übernahm, während Caros Lungen brannten, die Oberschenkel sich einfach nicht mehr heben wollten und sie nur noch deshalb weiterlief, weil sie wusste, auch das Gehen keine Erleichterung mehr bringen würde - dann wanderte der Blick der Komtesse von den mühelos fliegenden Beinen der Türkin über die athletische und dennoch weibliche Figur hinauf zu ihrem schlanken Hals, an dem unter dem hüpfenden Pferdeschwanz feine dunkle Härchen sprossen. Und sie stellte sich vor, wie sich ihre eigenen Hände um diesen Hals schlossen, um ihre Qualen mit sanftem Druck zu beenden.

Die Komtesse stolperte durch das feuchte Herbstlaub hügelaufwärts und gab sich ganz dieser seltenen Gewaltphantasie hin, die ihr zumindest für kurze Zeit half, in einen schmerzfreien Trancezustand zu verfallen. Währenddessen hatte Nessie Senel den Kamm des Hügels erreicht und blieb abrupt stehen. Caro, die nur noch mechanisch einen Fuß vor den anderen setzte, hätte auch bei voller Konzentration kaum rechtzeitig anhalten können. Nun aber lief sie ungebremst in ihre Freundin hinein. Da ihr Tempo aber nur von sehr aufmerksamen Beobachter als Bewegung wahrgenommen werden konnte, überstand Nessie den Aufprall schadlos.

Statt des beabsichtigten herzhaften Fluches verließ nur ein heiseres Röcheln den Hals der Komtesse. Sie klammerte sich mit einer Hand an Nessies Schulter fest, beugte sich vor und mühte sich ein paar Sekunden lang, wieder zu Atem zu kommen.

»Was zum Teufel ...?« krächzte sie dann und starrte hilflos auf Nessies Rücken.

Statt einer Antwort deutete diese mit dem ausgestreckten Arm den Hügel hinab. Unten, in der Talsohle, in der ein breiter Forstweg den Wald durchschnitt, blitzte blaues Blinklicht. Caro erkannte zwei Polizeifahrzeuge, einen Rettungswagen und zwei Zivilfahrzeuge. Rot-weißes Absperrband markierte jenseits des Weges, etwa fünfzig Meter hügelaufwärts ein etwa zehn mal zehn Meter großes Areal. Mehrere in weisse Plastikoveralls gekleidete Männer und Frauen arbeiteten innerhalb der Absperrung. Eine zweite Gruppe, die zum größten Teil aus uniformierten Polizisten bestand, hatte sich auf halbem Weg zwischen markierten Gebiet und den Fahrzeugen versammelt.

Nach einer weiteren Minute fühlte sich Caro einigermaßen erholt und nahm nun auch den erwartungsvollen Blick ihrer Freundin wahr.

»Du willst da runter?«

»Nur mal gucken, was los ist.«

Caro war nicht begeistert von der Unternehmungslust ihrer Begleiterin. Weder fühlte sie sich gerade äußerlich der Begegnung mit fremden Menschen gewachsen, noch hatte sie die geringste Lust, sich schon wieder in Dinge einzumischen, die sie nichts angingen. Ihr schwacher Protest kam allerdings zu spät. Nessie sprang bereits munter wie ein Reh den Hügel hinab.
 

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