Leseprobe
(...)
Caro lief zum Gartentor und legte die zwanzig Meter bis zum nächsten Eingang in Höchstgeschwindigkeit zurück. Als sie das fremde Haus betrat, konnte sie im Halbdunkel zunächst kaum etwas erkennen. Auf der Rückseite leuchtete ein helles Rechteck – die Hintertür stand offen.
Nach ein paar Sekunden hatten sich Caros Augen an das
Dämmerlicht gewöhnt. Sie lief ein paar Schritte vorwärts an der Küche vorbei und blieb dann wie angewurzelt stehen. Genau wie in ihrem eigenen Haus führte der kurze Gang zwischen Küche und einem kleinen Zimmer übergangslos in den Salon, der die ganze Breite des Hauses einnahm. Auf der rechten Seite hatte Roswitha wie vom Architekten geplant einen Essplatz eingerichtet. Auf der linken Seite befanden sich zwei große Schiebetüren zum Garten. Türen und Fenster waren geschlossen, die Vorhänge zugezogen. Der Gang führte auf der gegenüberliegenden Seite des Salons weiter bis zur Hintertür. Rechts und links davon befand sich auf jeder Seite je ein Schlafzimmer und ein Bad. Der reglose Körper lag zwischen Esstisch und der gegenüberliegenden Wand.
Bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate stand
Caro vor einer toten Frau, die einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen war. Roswitha Priesewitz lag auf dem
Rücken. Ihre Augen starrten mit einem fast erstaunten Ausdruck blicklos zur Decke. Ein kleiner kreisrunder Fleck auf ihrer Stirn ließ Caro vermuten, was das Leben der Frau so plötzlich beendet hatte. Buster stand schnaufend neben der Leiche und stieß hilflos mit seiner riesigen Nase gegen den Oberarm der Toten.
Caro fühlte, wie ihr Gleichgewichtssinn sie verließ. Sie
suchte halt an der Wand und bemühte sich, nicht auch noch die Nerven zu verlieren. Als sie vor ein paar Monaten die Leiche Mona Jägers fand, war Nessie bei ihr gewesen, und die Sorge um ihre jüngere Schwester Charlie verdrängte damals alle anderen Gefühle. Heute stand sie ganz alleine vor einer toten Frau, die sie vor einer Viertelstunde noch bei bester Gesundheit gesehen hatte.
Buster winselte. Er spürte, dass mit seiner Rudelchefin
etwas nicht stimmte, und scharrte mit seiner Pfote an Roswithas Schulter. Verzweifelt versuchte Caro, sich von dem makaberen Anblick loszureißen. Der eigenartige Geruch ließ Caro erschaudern, bis sie erkannte, dass es der gleiche Pflanzenduft war, den sie bereits draußen im Garten wahrgenommen hatte.
Die Komtesse tastete sich langsam in einem großen Bogen um die Leiche herum. Im Gang zur Hintertür stieß ihr Fuß gegen etwas Hartes. Der Gegenstand rutschte ein paar Zentimeter über die Fliesen und machte dabei ein metallisches Geräusch. Caro sah zu Boden. Sie erkannte in dem Gegenstand eine automatische Pistole mit außergewöhnlich langem Lauf. Sie sah genauer hin. Caro kannte sich mit Schusswaffen nicht besonders gut aus, aber sie glaubte, einen Schalldämpfer identifizieren zu können. Deshalb hatten sie also keinen Schuss gehört. Sie schob sich weiter in Richtung Hintertür. Dort verdunkelte sich in diesem Moment der Lichtschein. Die Komtesse schrak zusammen. Dann erkannte sie Georg Schwertfeger.
»Ich dachte, ich hätte draußen jemanden gehört, aber es
war wohl nur Buster.« Er blieb stehen. »Ich glaube, wir
sollten uns nun bemühen, keine weiteren Spuren mehr zu
verwischen.«
Seine Worte waren kaum verklungen, da stürmten Olga
und Horst Brettschneider durch die Vordertür, herbeigelockt
von Schwertfegers Hilferuf. Auch diese beiden blieben
wie angewurzelt stehen, als sie die Leiche entdeckten.
Für ein paar lange Sekunden starrten sich die vier über den reglosen Körper hinweg an. Dann brach Olga Brettschneider das Schweigen.
»Das hat ja eines Tages soweit kommen müssen. Das
dumme Ding!«
(...)
Ulli Eike
Sonne, Sand und Mord
Der dritte Caro & Nessie Krimi
im Buchhandel und im Internet erhältlich
ISBN 978-3-8370-3511-7
Paperback, 192 Seiten,
9,90 EUR
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